Die Diskussionen um Abtreibung, aber auch um Pränataldiagnostik und Behinderung haben zugenommen. In Deutschland gab es mehrere Versuche, unter Berufung auf das Recht auf ärztliche Gewissensfreiheit, Kliniken und ganze Regierungsbezirke „abtreibungsfrei“ zu machen (Schaumburg, Dannenberg). Dies konnten Aktivist*innen durch Öffentlichkeitsarbeit und Protest glücklicherweise verhindern.

In den öffentlichen und medialen Debatten um Pränataldiagnostik und die neuen Bluttests auf Trisomien ist zu viel von „ungeborenem Leben“ und zu wenig von Behindertenfeindlichkeit die Rede.

„Selbstbestimmung“ ist kein eindeutig emanzipatorischer, positiver Begriff, sondern ein ambivalenter Begriff. Er ist in Richtung Selbstoptimierung, Neoliberalismus und Individualismus offen. Was Menschen, was Frauen, was schwangere Personen wollen, muss nicht gut, emanzipatorisch und befreiend sein. Wenn wir eine radikale Veränderung gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Machtverhältnisse erreichen wollen, sollten wir diese Probleme miteinander diskutieren und zu einer reflektierten Antwort kommen, die gesellschaftliche Behindertenfeindlichkeit/Ableism angreift.

Feministinnen mit und ohne Behinderung fordern ein Recht auf Entscheidungen über den eigenen Körper für jede Person ein. Niemand soll mit Strafgesetzen, Zwangsberatung, „Gehsteigberatung“ oder sonstigen Maßnahmen dazu gebracht werden, schwanger zu sein, wenn sie es nicht will. Es muss ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch geben. Aber es gibt kein Recht auf ein „gesundes“ Kind.

In einer von vielfältigen Herrschaftsverhältnissen durchzogenen Welt ist aber der bloße Ruf nach Selbstbestimmung ein stumpfes Schwert. Maximal abgrenzen von rechten und reaktionären Tendenzen können wir uns nur, indem wir alle Herrschaftsverhältnisse angreifen, die Menschen aussondern, verächtlich machen und unterdrücken!

[Auszug aus: Redebeitrag Kundgebung Münster 18.3.2017, Kirsten Achtelik; http://www.kirsten-achtelik.net/category/texte/vortraegeredebeitraege/]


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